Pressemitteilung: Wie weiter nach dem Sturm im Wasserglas?
Pressemitteilung vom 19.10.2006: Die BAG-SHI befürchtet, dass nach dem medialen Sturm im Wasserglas, nach dem verbalen Entsetzen über Armut und „neue“ Unterschicht die Politik in Berlin zum business as usual zurückkehrt.
Die in ersten Auszügen veröffentlichte Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung „Gesellschaft im Reformprozess“ hat in den
letzten Tagen viel Staub in den Medien aufgewirbelt. Für die
Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen
e.V. (BAG-SHI) waren die Ergebnisse der Studie nichts Neues. „Wir
wissen, mit welcher Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit Erwerbslose
und andere Arme leben“, so Anne Ames, Geschäftsführerin der BAG-SHI.
„Ich freue mich über jeden und jede, dem oder der es nach langer
Erwerbslosigkeit gelingt, sich in ihrer Situation mit einem
einigermaßen guten Lebensgefühl einzurichten, anstatt
„Arbeitsmarktperspektiven“ hinterher zu jagen, die es für die
Betroffenen derzeit nicht gibt. Das ist ein gesunder Realismus, der vor
Verzweiflung schützt und den Betroffenen hilft, sinnvolle Alternativen
zu leben. Aber es sind sehr wenige, denen das gelingt. Die meisten
Menschen wünschen sich auch nach Jahren ohne Job nichts sehnlicher als
eine Arbeit, von der sie und ihre
Familien leben können.“
Heuchlerisch findet Hinrich Garms, Mitglied im Vorstand der BAG-SHI,
dass diejenigen Parteien, die vor rund drei Jahren „Hartz IV“
verabschiedet hätten, sich nun über die Verarmung der Bevölkerung
wunderten: „Solange ein eklatanter Mangel an existenzsichernden
Arbeitsplätzen herrscht und solange es keine ausreichende
Grundsicherung für den Fall der Erwerbslosigkeit oder kein allgemeines
Grundeinkommen gibt, ist Armut die notwendige Folge der herrschenden
Sozialpolitik. Mit einer Ausweitung des Niedriglohnsektors und
Kombilöhnen wird dem Problem
der Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung nicht beizukommen sein.“
Die BAG-SHI befürchtet, dass nach dem medialen Sturm im Wasserglas,
nach dem verbalen Entsetzen über Armut und „neue“ Unterschicht die
Politik in Berlin zum business as usual zurückkehrt. Derzeit bereitet
die Bundesregierung die „Neuordnung des Niedriglohnsektors“ vor. Im
November oder spätestens Dezember will sie im Kabinett ihre Eckpunkte
zu den Themen Mindestlohn, „Kombilohn“ und Einkommensfreibeträge für
Bezieher/-innen von Arbeitslosengeld II festlegen.
Zumindest in einem Punkt scheinen sich die Unionsfraktionen und
SPD-Sozialminister Müntefering bereits einig zu sein: Kleine
Nebeneinkommen von Arbeitslosengeld II-Beziehern sollen vollständig auf
die Sozialleistung angerechnet werden. Das Arbeitslosengeld II soll
also komplett um diese Einkommensbeträge gekürzt werden. Auch die
Pauschale für die Einkommensbereinigung soll drastisch gekürzt werden.
Nach den Plänen der CDU/CSU von derzeit 100 auf 40 Euro. In zahlreichen
Fällen würden damit also nicht einmal die Ausgaben berücksichtigt, die
tatsächlich anfallen, damit der Nebenjob überhaupt ausgeübt werden
kann. „Damit hilft man den Betroffenen sicher nicht aus Zukunftsangst
und
Resignation, sondern verschlimmert beides“, sagt Ames.
BAG-SHI e.V.
Anne Ames
Geschäftsführerin
Moselstraße 25
60329 Frankfurt am Main
Telefon: 069 / 2722 0896
Mail: ames@bag-shi.de